22.06.2017

Zustand der Gewässer: Die Zahlen taugen nicht für einen Tourismusprospekt

Bayern ist weithin bekannt für seine klaren Seen und Flüsse. Weniger bekannt ist der tatsächliche Zustand der Gewässer. Der unterscheidet sich erheblich von diesem Image und muss dringend verbessert werden.
begradigte Donau bei Passau; ©Foto:hpguesen;pixabay.com

Nach Zahlen des Landesamtes für Umweltschutz (LfU) sind nur die Hälfte der bayerischen Seen in einem guten Zustand. Für die andere Hälfte gilt er als mäßig, unbefriedigend oder sogar schlecht. Bei den Fließgewässern ist die Situation noch besorgniserregender. Nur knapp ein Drittel sind dort in einem guten Zustand. Die restlichen zwei Drittel erreichen höchstens ein „mäßig“. Und die Aussichten sind wenig rosig: Nur bei zehn Prozent der Fließgewässer ist zu erwarten, dass sie die EU Vorgaben der Wasserrahmenrichtlinie zum sogenannten „guten Zustand“ bis zum Jahr 2021 tatsächlich erreichen.

Dies sind also keine Zahlen, die in einem bayerischen Tourismusprospekt auftauchen werden. Und die Bewohner der Fließgewässer bleiben ohnehin stumm. Der Fischzustandsbericht 2012 der Landesanstalt für Landwirtschaft (LfL) beschreibt schockierende Zustände mit Bestandseinbrüchen allerorten. Von den ursprünglich im Freistaat heimischen 79 Fischarten existieren heute nur noch 64 Arten. Laut Roter Liste sind davon wiederum 77 Prozent gefährdet. Die Ursachen liegen in der Verbauung der Flüsse, dem Schadstoffeintrag durch Landwirtschaft, aber zunehmend auch dem Klimawandel.

Einfluss der Landwirtschaft 

Der Schadstoffeintrag durch die Landwirtschaft macht aber nicht nur den Fischen zu schaffen. Nitrat und Pflanzenschutzmittel sind in vielen Bereichen über den Grenzwerten. Dabei ist die Situation in Bayern regional sehr unterschiedlich. In Regionen mit wenig Niederschlag – vor allem in Mittelfranken und Unterfranken – ist die Grundwasserbelastung mit Nitrat hoch und der Einsatz von Pflanzenschutzmitteln in vielen Bereichen besonders problematisch. So weisen beispielsweise in meinem Landkreis Ansbach in Westmittelfranken ein Drittel der Grundwassermessstellen einen Nitratwert von über 50 Milligramm pro Liter auf. Der Eintrag durch die Landwirtschaft ist enorm hoch – und in Franken fehlt zusätzlich der Verdünnungseffekt. Nur deshalb ist die chemische Situation des Grundwassers im südlichen und östlichen Bayern besser. Die Wasserversorger im nördlichen Bayern mischen deshalb kräftig mit Wasser aus – nur so können sie die Werte einhalten.

Wasserschutzgebiete und Gewässerrandstreifen fehlen

Bayern hat weitere Besonderheiten: Nur fünf Prozent der Landesfläche sind Wasserschutzgebiete. Im benachbarten Baden-Württemberg sind es beispielsweise 25 Prozent, Hessen hat sogar 40 Prozent seiner Landesfläche dazu erklärt. Nur innerhalb der Wasserschutzgebiete können jedoch die Versorger mit eigenen Programmen die Landwirte zum Grundwasserschutz anhalten. Aktivitäten, wie zum Beispiel Zwischensaaten werden auf den Wasserpreis umgelegt und betragen dennoch nur 1 Cent pro Kubikmeter Wasser – und sie zeigen Wirkung. Nitratwerte konnten entscheidend gesenkt werden. Eine Ausweitung der Wasserschutzgebiete hat die CSU Staatsregierung bisher aber kategorisch abgelehnt.

Freiwilligkeit ist wirkungslos

Und auch bei den Gewässerrandtreifen geht die bayerische Staatsregierung eigene Wege. In Bayern sind sie abweichend von anderen Bundesländern nicht gesetzlich vorgeschrieben. Freiwilligkeit ist Trumpf. Die Konsequenzen sehen wir unter anderem am schlechten Zustand der Fließgewässer. Die Abschwemmungen durch Bodenerosion in Folge des stark zugenommenen Maisanbaus landen ohne Gewässerrandstreifen ebenfalls direkt in den Flüssen und Seen. In vielen Regionen Bayerns liegt der Maisanteil bezogen auf die landwirtschaftliche Nutzfläche bei 40 Prozent. Als Futtermittel und Substrat für die über 2.300 bayerischen Biogasanlagen erfreut sich der Mais immer größerer Beliebtheit. Der bayerische Bauernverband macht hier erfolgreich Lobbyarbeit, damit Verbesserungen des Gewässerschutzes freiwillig bleiben.

Der Klimawandel spitzt die Lage zu

Der Wasserreichtum Bayerns ist leider nur auf bestimmte Regionen beschränkt. In immer größeren Gebieten herrschten in den vergangenen Monaten und Jahren Wassermangel. Einen neuen Trockenheitsrekord hat dieser Winter 2016/2017 aufgestellt. Seit Dezember regnete es in weiten Teilen Nordbayerns nur 20 bis 30 Prozent des normalen Niederschlages. In den drei Wintermonaten kamen so weniger als 50 Millimeter Niederschlag zusammen. Auch das Frühjahr brachte zu wenig Niederschläge. Für Land- und Forstwirtschaft ein ernstes Problem. Bereits das Jahr 2015 war ein extremes Trockenjahr mit dem gleichzeitigen deutschen Hitzerekord von 40,3 Grad Celsius in Kitzingen in Unterfranken. Die Wasserversorger sehen die Lage jetzt schon kritisch. Bei der Rhön Maintalgruppe liegt der Grundwasserstand der Trinkwasserbrunnen teilweise sechs Meter niedriger als üblicherweise.

Bisher haben es die Trinkwasserversorger noch stets geschafft, ausreichend Trinkwasser zur Verfügung zu stellen. Für die Fließgewässer bedeutet das Niedrigwasser jedoch einen beschleunigten Temperaturanstieg, einen starken Rückgang der Sauerstoffsättigung und insbesondere bei vorbelasteten Ökosystemen schwere Schäden der Lebewesen im Gewässer. 

Was getan werden müsste 

Der Lebensraum Wasser muss bewahrt und weitaus besser geschützt werden. Eine Renaturierung der Fließgewässer steht an erster Stelle. Wir brauchen breite Flussbetten anstatt begradigter Kanäle. Das ist effektiver Hochwasserschutz und Artenschutz in einem.

Die Reduktion der Grundwasserbelastung ist oberstes Ziel. Hier gilt Vorsorge statt Nachsorge. Schutzgebiete sind auszuweiten und entsprechende Kooperationen beziehungsweise verbindliche Vorgaben mit den Landwirten sind zu treffen. Denn nachträgliche Maßnahmen zur Reinigung des Trinkwassers kosten enorm viel Geld. 

Die Landwirtschaft muss so wirtschaften, dass flächendeckender Grundwasserschutz gegeben ist. Die aktuelle Reform der Düngeverordnung sieht nun zumindest klare Beschränkungen vor. Die Maximalgrenze von 170 Kilogramm Stickstoff pro Hektar muss aber auch konsequent kontrolliert werden. Das Gleiche gilt für die Sperrfristen, die Phosphatausbringung und die Ausbringungstechniken.

Zusätzlich fordern wir die Reduktion des Pflanzenschutzmittelverbrauchs. Ein gezielter Einsatz muss Vorrang haben, anstatt großflächig Totalherbizide anzuwenden. Das gilt vor allem für Karstgebiete. Und in Bayern müssen endlich verbindliche Mindestbreiten für Gewässerrandstreifen Gesetz werden.

Ein weiterer wichtiger Punkt ist die Förderung des Bioanbaus. Der Öko-Anteil an landwirtschaftlicher Gesamtfläche in Bayern betrug im Jahr 2014 nur 7,3 Prozent. Das ist viel zu wenig. Hier gilt es Subventionen umzulagern und Strukturen für Verarbeitung sowie Vermarktungzu stützen. Die Nachfrage lässt sich zum Beispiel erhöhen, indem die öffentliche Hand auf Bio umstellt. Landwirte brauchen parallel eine gute Beratung. Denn auf Bio umzustellen ist aufwändig und kostspielig.

Zu einem Großteil dieser Verbesserungen sind die Länder durch die Wasserrahmenrichtlinie eigentlich längst verpflichtet. Auch hier wird in den nächsten Jahren – wie es schon wegen der verletzten EG-Nitratrichtlinie der Fall war – eine Klage mit drohenden Strafzahlungen ein Umdenken erzwingen. So lange sollten und wollen wir aber nicht warten.



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