Kipppunkt Golfstrom – Wie nah sind wir dran?

Der Sommer 2026 wird für viele Menschen in Europa wahrscheinlich im Gedächtnis bleiben – als der Sommer, in dem der Klimawandel in Europa angekommen ist. Hitze, Trockenheit, Wassermangel, Dürre, Waldbrände, ausgetrocknete Flüsse, braune Felder und Wiesen, Bergstürze, diese Bilder werden sich einprägen. Noch wissen wir nicht, ob diese Sommer zu unserem „Alltag“ werden, doch klar ist: die alte Normalität ist Geschichte.

AMOC by Stefan Rahmstorf
AMOC Atlantic meridional overturning circulation By Stefan Rahmstorf - https://scilogs.spektrum.de/klimalounge/die-unterschaetzte-gefahr-eines-versiegens-des-golfstromsystems/, CC BY-SA 4.0, https://commons.wikimedia.org/w/index.php?curid=194095128

Gleichzeitig steigen die Sorgen um den sogenannten Golfstrom oder genauer gesagt um die Atlantische Umwälzströmung (AMOC). Der Golfstrom ist eine Oberflächenströmung, die vor allem vom Wind angetrieben ist und Oberflächenwasser aus dem Golf von Mexiko nach Europa bläst. Der Golfstrom ist ein Teil der weitaus größeren AMOC. Die AMOC ist das gesamte, globale ozeanische Förderband im Atlantik, das durch Temperatur- und Salzgehaltsunterschiede angetrieben wird und 50-mal mehr Energie transportiert, als die Menschheit im Jahr verbraucht. Die transportierten Wassermassen sind kaum vorstellbar: durchschnittlich strömen ca. 15 Millionen Kubikmeter Wasser pro Sekunde in Richtung Europa.

Nach dem aktuellen Stand der Untersuchungen hat sich die AMOC im Bereich des Nordatlantiks in den letzten Jahrzehnten – trotz weltweiter Erwärmung (!) – um etwa 15 % abgekühlt bzw. abgeschwächt. Insbesondere schwankt sie sehr stark. Die genauen Ursachen sind noch nicht eindeutig geklärt.

Die Atlantische Umwälzströmung ist aber nicht nur eine Oberflächenströmung, sie sorgt auch für eine Umwälzung in der Tiefe des Meeres. Gigantische Wassermengen sinken an einigen Stellen nach unten, an anderer Stelle steigen vergleichbare Mengen hoch.

In verschiedenen Studien und Klimamodellen wird versucht, die weitere Entwicklung zu prognostizieren. Aus den bisherigen Daten ist mit einer weiteren Abschwächung zu rechnen. So wird beispielsweise das fortschreitende Abschmelzen des Grönlandeises sowohl die Temperatur als auch – durch den Süßwasserzufluss - den Salzgehalt des Meerwassers wesentlich beeinflussen.

Die bisherigen Modellrechnungen kommen noch zu keinem einheitlichen Ergebnis. Doch mehren sich die Stimmen, die einen Zusammenbruch der AMOC zum Ende des Jahrhunderts für möglich halten oder sogar davon sprechen, dass der Kipppunkt vielleicht schon überschritten sein könnte. Eine offene Frage ist, wo wir derzeit stehen: schon hinter dem Kipppunkt, kurz davor oder noch mit etwas Puffer zum Kipppunkt. Der Kipppunkt markiert den Bereich, bei dem der Prozess so weit fortgeschritten ist, dass sich die Meereszirkulation von selbst weiter abschwächt.

Die verschiedenen Modelle gehen aber davon aus, dass bei einer relevanten Beschränkung der CO2-Emissionen die Abschwächung verlangsamt und die Wahrscheinlichkeit des Kippens verkleinert werden kann.

Der Kipppunkt ist noch unklar. Was klar ist, sind die Auswirkungen: Der Kollaps des AMOC wäre vermutlich der Kipppunkt des Weltklimas, der Westeuropa am meisten betrifft. Die Auswirkungen wären für Westeuropa katastrophal. Es wird ein Absinken der Durchschnittstemperatur um 10 Grad bis zur Jahrhundertwende für wahrscheinlich gehalten. Der nordeuropäische Raum würde stark abkühlen, der Mittelmeerraum sich dagegen noch stärker aufheizen. Diese extremen Wetterfronten würden in Mitteleuropa aufeinandertreffen mit Zunahme von Extremwetterereignissen wie Sturm, Hagel, Starkregen, Dürren. Das würde den Lebensstil, die Siedlungsformen, die Landwirtschaft, die Nahrungsproduktion und die Wirtschaft grundlegend erschüttern.

Doch auch andere Teile der Erde würden von dieser Entwicklung betroffen werden. Voraussichtlich würde sich der Atlantik im südlichen Teil der Erde schneller erwärmen und dadurch dort im Meerwasser gespeichertes CO2 durch höhere Verdunstung in die Atmosphäre gelangen und den Treibhauseffekt anheizen.

Daher ist aus bayerischer, deutscher, ja europäischer Sicht der Kampf um jedes Zehntelgrad gegen die Klimaerwärmung im wörtlichen Sinn existenziell. Denn jedes Zehntelgrad weniger kann uns vor dem Kippen schützen oder es wenigstens hinauszögern. Zudem gewinnen wir damit auch wertvolle Zeit für eine gewisse Anpassung.

Aussagen, wie eines Markus Söder, dass für mache der Klimaschutz eine pseudoreligiöse Bedeutung bekommen habe, von Kanzler Merz, dass die Welt schlichtweg morgen nicht unter gehe und wir weiter 20 Jahre Zeit haben, von Katherina Reiche, dass in den vergangenen Jahrzehnten der Schwerpunkt überbetont auf Klimaschutz war und eines bayerischen Wirtschaftsministers Hubert Aiwanger, dass es schlichtweg Unsinn sei weltweit einen Klimanotstand auszurufen und wir vor allem verhindern müssen, dass wir am Ende CO2-frei, aber wirtschaftlich tot sind, sind daher an Verantwortungslosigkeit nicht zu überbieten. Wer glaubt, dass ein intaktes Klima und eine intakte Wirtschaft unvereinbar sind, hat die Zeichen der Zeit immer noch nicht erkannt.

Zur Vertiefung können Sie hier einen Vortrag von Prof. Stefan Rahmstorf vom Potsdamer Klimafolgenforschungsinstitut PIK sehen: VIDEO

Eine gute Darstellung brachte auch der Deutschlandfunk

Und hier noch mein Versuch, die Fraktionen der Staatsregierung zu dem Thema aufzurütteln.

 


Im Dialog

©Foto: Manuel Schuller
©Foto: Manuel Schuller

Wirtschaft

Im ständigem Austausch mit den Unternehmer*innen in Bayern erfahre ich welche Fragen, Anregungen und Wünsche an die Politik gestellt werden und wie wir sie unterstützen können.

mehr dazu
©Foto: Andreas Gebert

Vor Ort

Wichtig ist mir mit vielen Menschen ins Gespräch zu kommen, mit ihnen zu diskutieren und von ihnen Anregungen für meine parlamentarische Arbeit im Landtag mitzunehmen.

mehr dazu
Martin Stümpfig in Freuchtwangen
© Foto: Wolf Kehrstephan

Region

Ich bin in Feuchtwangen, im Landkreis Ansbach aufgewachsen – hier bin ich verwurzelt, hier achte ich darauf, dass die Interessen der Bürgerinnen und Bürger im Landtag vertreten sind .

mehr dazu

Das könnte Sie auch interessieren