Im Jahr 2024 haben die weltweiten Messstellen eine starke Steigerung der CO₂-Gehalte in der Atmosphäre festgestellt. Ein deutliches Zeichen dafür, dass die Meere an ihre Aufnahmekapazität stoßen und ein höherer Anteil der ungebremsten weltweiten CO₂-Emissionen in der Atmosphäre verbleibt. Wir sind jetzt bei 430 ppm – und allein im Jahr 2024 gab es eine Steigerung um 4 ppm. Das gab es so noch nie. Höchste Zeit zum Umschalten und zur Reduktion der Verbrennung fossiler Energien, so Tobias Grimm, Chief Climate Scientist der Münchener Rückversicherung.
Gemeinsam mit Patrick Friedl und Christian Hierneis hatten wir Mitte Juli einen intensiven Austausch mit Herrn Grimm. Anhand seiner Präsentation zeigte uns der Leiter der Klimaabteilung die derzeitige Lage und stellte das Unternehmen vor.
Bei der Munich Re arbeiten heute 44.000 Menschen. Über 100 Spezialistinnen und Spezialisten aus dem Bereich Klimaforschung analysieren die Risiken und Entwicklungen der Klimaveränderungen.
Rund 2.000 Ereignisse pro Jahr treten mittlerweile auf. Die Zahl der Überschwemmungen nimmt stark zu – gerade auch an Orten, an denen es nicht erwartet wurde. Die Munich Re erfasst dabei nur direkte Schäden. Verstorbene Menschen während Hitzewellen werden z. B. nicht erfasst. Die tatsächlichen Schäden liegen also noch weit höher.
Allein im Jahr 2024 sind durch Überschwemmungen, Waldbrände und Stürme bei den neun größten Katastrophen, die maßgeblich durch den Klimawandel verursacht wurden, 1.464 Menschen ums Leben gekommen (das Erdbeben in Japan ist nicht mitgezählt, da kein Zusammenhang mit der Klimaüberhitzung besteht).
Die Schäden steigen kontinuierlich an. Die Grafiken zeigen sowohl die Gesamtschäden als auch die versicherten Schäden: Die Graphiken der MunichRe, dass Naturkatastrophen weltweit zunehmen, immer höhere Schäden verursachen – vor allem durch häufigere Extremwetterereignisse – und dass Versicherungsschutz, besonders in ärmeren Regionen, oft unzureichend ist.
Bei den großen Schadensereignissen gibt es immer wieder Ausreißer. So waren der Hurrikan Katrina 2005 sowie die drei Hurrikane Harvey, Irma und Maria im Jahr 2017 in den USA die bisher größten Schadensereignisse – der insgesamte Trend ist jedoch klar erkennbar. In den letzten acht Jahren lagen die Gesamtschäden stets über der Schwelle von 100 Milliarden Dollar. Die Schäden nehmen kontinuierlich zu.
Die Zunahme ist dabei auf allen Kontinenten zu beobachten – auch in Europa und in Deutschland.
Die Ahrtal-Katastrophe sticht besonders hervor. Aber auch die Jahre 2023 und 2024 weisen hohe Schadensummen auf. Professor Grimm lobte besonders das österreichische Modellierungssystem HORA (Hochwasserrisikozonierung Austria, https://hora.gv.at). Hier kann häuserscharf das Hochwasserrisiko eingesehen werden.
Es muss deutlich mehr für eine gute Vorsorge getan werden, denn die Schäden haben sich allein in Deutschland mittlerweile auf über 200 Milliarden Euro aufsummiert. Und das sind nur die direkten Schäden. Todesfälle, Verletzungen oder Einschränkungen der Arbeitszeit während Hitzewellen erscheinen hier gar nicht.
Bedeutung des Klimawandels
Im zweiten Teil seiner Präsentation ging Prof. Grimm auf die Frage ein, inwieweit der Klimawandel an der Zunahme schuld ist. Die beiden Kurven zu THG-Emissionen und Temperaturanomalien sprechen für sich. Eine Zunahme der Temperatur hat physikalisch die Auswirkung, dass die Luft mehr Wasser aufnehmen kann – pro Grad Erwärmung sind es etwa 7 %. In Deutschland hat sich in den letzten 100 Jahren die Durchschnittstemperatur um 2,7 °C erhöht. Somit kann eine bestimmte Wetterlage allein deshalb 20 % mehr Regenmenge mit sich bringen.
Auf der Webseite sehen Sie die Ergebnisse von Attributionsstudien, die zeigen, dass der Klimawandel 2024 bei 26 von 29 Großereignissen eine maßgebliche Rolle spielte und Extreme wie Stürme (+40 %) oder Waldbrände (+35 %) deutlich wahrscheinlicher wurden.
Hagel ist in bestimmten Regionen ein besonders großes Problem. Norditalien hat das größte Hagelrisiko. Dort gab es ein Hagelereignis mit 12 cm großen Hagelkörnern; das größte gemessene Korn hatte 19 cm Durchmesser. Ab 8 cm sind Hagelkörner lebensgefährlich, so Prof. Grimm. Die Schäden durch Schwergewitter nehmen immer weiter zu.
Die Auswirkungen der Klimakatastrophen auf die Wirtschaft sind massiv. Die direkten Schäden, die in der ersten Grafik aufgezeigt wurden, bilden dabei nur einen Teil ab. Reduzierte Leistungsfähigkeit, Betriebsunterbrechungen, unterbrochene Lieferketten, Störungen im Verkehr und vieles mehr sind Folgen von Naturgefahren für wirtschaftliche Prozesse.
Für die Munich Re ist eine Verstärkung der Anstrengungen ganz klar notwendig. Leider ist auch die bayerische Staatsregierung weit davon entfernt, die 50 % Emissionsminderung bis 2030 zu erreichen, obwohl sie sogar ein Einsparziel von 65 % festgeschrieben hat (vgl. Artikel zum Klimabericht 2024). Raus aus fossilen Energien und gleichzeitig Senken stärken und CO₂ abscheiden – ohne Negativemissionen sind die Reduktionsziele nicht erreichbar. Die erneuerbaren Energien werden im Kampf gegen die Erdüberhitzung die Hauptrolle spielen.
Vorbeugender Klimaschutz ist das eine, Klimaanpassung aber genauso notwendig. Jeder Euro ist hier gut investiert.
Kipppunkte
Wie wichtig die Einhaltung des 1,5-°C-Ziels ist, zeigt sich anhand der Kipppunkte im Klimasystem. Die Korallenriffe stehen kurz vor dem Kollaps, die Eisschilde der Westantarktis und Grönlands vor unumkehrbaren Abschmelzprozessen.
Hier kann ich nur das neu erschienene Buch „Am Kipppunkt“ von Benjamin von Brackel und Toralf Staud empfehlen. Sehr gut wird dort anhand wissenschaftlicher Erkenntnisse dargestellt, dass wir bei den Korallenriffen und beim Subpolarwirbel mit großer Sicherheit kurz vor Kipppunkten stehen (in den kommenden zehn Jahren). Bei den Eismassen von Grönland und der Westantarktis ist der Kipppunkt mit hoher Sicherheit ebenfalls bereits erreicht. Der Abschmelzprozess ist im Gange – er wird jedoch Hunderte bis Tausende Jahre dauern. Je länger er sich streckt, desto besser für Anpassungsmaßnahmen.
Sehen Sie auch:
https://science.nasa.gov/earth/oceans/study-predicts-more-long-term-sea-level-rise-from-greenland-ice/
Ein weiterer echter Kipppunkt ist die Atlantische Umwälzzirkulation (AMOC). Viele Studien belegen bereits die Abschwächung der AMOC (Atlantic Meridional Overturning Circulation; der Golfstrom ist ein Teil davon). Stefan Rahmstorf ist am 27.11.2025 unser Hauptreferent bei unserem Klimaempfang in München. Er hat umfassende Studien zur AMOC erstellt und die kritische Situation deutlich gemacht. Ein Kollaps der Zirkulation würde das Weltklima massiv verändern und es gäbe dabei nur Verlierer. Eine aktuelle Studie von ihm finden Sie hier.
Ein weiterer Kipppunkt stellt der Amazonas-Regenwald dar. Er erhält sich durch enorme Verdunstungen selbst. Wird er weiter abgeholzt, schwächt sich das Zirkulationssystem, und der Regenwald verwandelt sich zunehmend in eine Steppe. Das wäre ein echter Kipppunkt, denn auch nach einer möglichen Abkühlung der Erde wäre der Amazonas-Regenwald, der 66 Millionen Jahre alt ist, für Millionen von Jahren verloren.
Bei anderen wichtigen Bestandteilen des Klimasystems kann nicht unbedingt von Kipppunkten gesprochen werden. Der Permafrost wird wohl eher regional auftauen und könnte bei einer Abkühlung auch wieder gefrieren, allerdings mit verheerenden Folgen in den betroffenen Regionen. Auch der praktisch sichere Verlust nahezu aller Gebirgsgletscher ist kein irreversibler Prozess.
Beim Jetstream ist sich die Wissenschaft noch uneins. Die längere Persistenz von Hoch- oder Tiefdruckgebieten hängt maßgeblich mit einer derzeitigen Abschwächung des Jetstreams zusammen. Sie begünstigt, dass bestimmte Wetterlagen über Wochen bestehen bleiben, mit Dürren oder Überschwemmungen als Folge. Für die Wissenschaft ist jedoch noch offen, wie sich der Jetstream entwickeln wird. Verschiedene Kräfte wirken durch die Veränderungen im Klimasystem. Der Jetstream könnte in den kommenden Jahrzehnten auch wieder eine Stärkung erfahren. In jedem Fall wird eine Änderung, ob Abschwächung oder Verstärkung, enorme Auswirkungen auf unser Wetter haben, mit kaum absehbaren Folgen.
Mein Fazit
Die Munich Re hat ihren Hauptsitz in München, nur wenige Minuten vom Landtag entfernt. Ich habe bereits mehrfach die Gelegenheit genutzt, direkt mit den Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftlern ins Gespräch zu kommen und Informationen aus erster Hand zu erhalten. Die Dramatik der Situation ist für die Klimaforschung klar: Die Zahlen, die uns Prof. Grimm zeigte, müssen eigentlich alle wachrütteln und zu sofortigem Umdenken bewegen. Leider sehen wir sowohl bei der Staatsregierung als auch inzwischen bei der Bundesregierung ein Bremsen beim Klimaschutz, das Festhalten am fossilen Pfad und ein Ignorieren der Warnsignale. Ich werde hier nicht nachlassen und weiter für wirksamen Klimaschutz kämpfen. Jedes Zehntelgrad weniger ist entscheidend.




