15.05.2017

Afghanische Flüchtlinge – zwischen Integration und Abschiebung

Die Situation afghanischer Flüchtlinge in Bayern ist zunehmend prekär. Abschiebungen sind inhuman und unverantwortlich, wie Einzelschicksale verdeutlichen.
©foto:geralt;pixabay.de

Afghanische AsylantragstellerInnen stellten im Jahr 2016 die zweitgrößte Gruppe in Deutschland. 63 Prozent der Betroffenen erhielten einen Schutzstatus und damit ein Aufenthaltsrecht. Gleichzeitig blieben die afghanischen Flüchtlinge weiterhin von einem schnellen Zugang zu Sprach- und Integrationskursen ausgeschlossen. Überlagert wurden diese Entwicklungen seit Dezember 2016 von den beginnenden Sammelabschiebungen von afghanischen Flüchtlingen nach Kabul - trotz der sich rapide verschlechternden Sicherheitslage in Afghanistan.

Für uns ist es völlig normal und so selbstverständlich, dass wir darüber nicht mehr nachdenken. Selbstverständlich, dass wir selbst gut gebildet sind, unsere Kinder Abitur machen, ein Studium absolvieren und dann einen guten Job finden. Bei vielen jungen Flüchtlingen insbesondere aus Afghanistan geht jedoch die Angst um, die Angst, alles zu verlieren, was sie sich bisher in Deutschland aufgebaut haben. 

Der Fall der vier Brüder Abasi aus Ansbach geht mir hier ganz besonders nahe. In Afghanistan waren die Abasis eine gut dastehende Familie, der Sohn Samim durfte seinen sportlichen Interessen nachgehen und war im Olympiateam Teakwondo. Alles war relativ gut, bis sich die Brüder des Vaters den Taliban anschlossen und auch den Vater der vier Jungs auf Talibanseite ziehen wollten. Er weigerte sich konsequent. Die Familie bereitete sich auf die Flucht vor, jedoch kamen die Verwandten mit anderen Taliban, bevor die Flucht gelang. Vor den Augen aller Kinder und der Frau wurde der Vater umgebracht. Für den Rest der Familie begann eine lange Leidensgeschichte. Die Familie wandte sich an die Polizei in Kabul mit der Bitte um Schutz und Hilfe, die ihnen jedoch verweigert wurde.

Die Mutter versteckte sich mit den zwei jüngsten Kindern in Afghanistan und ist mittlerweile in den Iran geflohen; die vier Brüder machten sich auf, das Land zu verlassen und verloren sich auf der Flucht. Der älteste Bruder Samim kam im Dezember 2013 nach Deutschland. Die drei anderen Brüder im September 2015; erst hier haben sie sich wieder getroffen. Ihre Mutter haben sie seit Jahren nicht gesehen.

Der älteste Bruder Samim wurde bereits abgelehnt; einer der jüngeren Brüder, Baktash, darf zunächst für ein Jahr bleiben. Aus Verzweiflung darüber, dass sein ältester Bruder abgeschoben werden soll, hat er trotz eigenem Positivbescheid versucht, sich anzuzünden und war vorübergehend in der geschlossenen Kinder- und Jugendklinik in Nürnberg. Der jüngste Bruder Kanishka Abasi ist 16 Jahre alt und hatte am 09. Mai in Ellwangen seine Anhörung. Er wartet derzeit auf die Entscheidung. Kanishka hat eine Ausbildungszusage an der Maschinenbauschule in Ansbach.

Beim zweitältesten Bruder Sami, 18 Jahre, kam am 26.04.2017 der Negativbescheid des BAMF nach der Anhörung in Ellwangen. Daraufhin sprang er aus dem Dachfenster seiner Unterkunft und brach durch das darunterliegende Garagendach. Er hat glücklicherweise keine inneren Verletzungen erlitten. Jedoch ist seine Kniescheibe gebrochen und er erlitt natürlich schwere Prellungen und Stauchungen. Der Junge liegt derzeit im BKH in Ansbach. Seine Betreuerin hat einen Nürnberger Anwalt  eingeschaltet.

Den ältesten Bruder Abdul Samim Abasi kenne ich persönlich. Er ist ein begeisterter Taekwondokämpfer und hat auch schon bayerische Wettkämpfe bestritten. Er hat Deutsch gelernt und seinen Brüdern geholfen, hier Fuß zu fassen und sich einzuleben. Er trainiert täglich und ist sich sicher, die Qualifikation für Olympia 2020 zu schaffen. Er ist regelrecht gefangen – gefangen zwischen der Sicherheit, die ihm und seinen Brüdern hier geboten ist und für die er sehr dankbar ist – und dem Nichtstun, zu dem er verdammt ist. Denn er darf nicht arbeiten, darf Ansbach nicht zu Wettkämpfen verlassen, versteht nicht, warum das so ist. Und muss doch stark für seine jüngeren Brüder sein, für die er nach seinen Möglichkeiten sorgt. Das Beispiel dieser Familie macht sehr deutlich, wie belastend es ist, in ständiger Furcht vor Abschiebung zu leben.

Dieser Vorfall hat mich schwer erschüttert. Ein 18jähriger Junge will sich lieber das Leben nehmen, als in seine Heimat zurückzukehren, wo ihn  ein Leben in totaler Unsicherheit in jeder Hinsicht erwartet und ihm die harte Bestrafung durch die Taliban droht.

Ihn und seine Brüder abzuschieben ist nach meiner Einschätzung komplett unverantwortlich und inhuman. Flüchtlinge, deren Familienmitglieder nicht mehr am Leben sind oder in andere Länder geflüchtet sind, haben in Afghanistan keine zivile Überlebensperspektive. Es ist schlichtweg unmöglich, diese Jungs nach Afghanistan zurückzuschicken, denn sie sind dort ganz akut in ihrem Leben bedroht. Sie sind schwer traumatisiert und wären in Afghanistan verloren.

Ich habe mich in diesem Fall an den Bayerischen Innenminister Hermann gewandt mit der eindringlichen Bitte, seinen gesamten Einfluss beim BAMF geltend zu machen, damit die Abasis hier blieben können. 

Ein sehr positives Beispiel, wie Integration funktioniert, ist der junge Afghane Sami Ahmadi aus Rothenburg, den ich auch persönlich kenne.

Im Rothenburger Krankenhaus erlernt Sami den Beruf eines Krankenpflegehelfers, ist dort bestens integriert, beliebt und anerkannt. Dem Einserkandidaten, der auch im Verein Fußball spielt und der später die 3 jährige Krankenpflegerausbildung anhängen möchte, droht nun jedoch die Abschiebung nach Afghanistan.

Doch gerade der Beruf des Krankenpflegers fällt nicht unter die 3+2-Regelung. Die 3+2 Regelung besagt, dass man in den 3 Jahren Ausbildung und den folgenden 2 Jahren Arbeit im erlernten Beruf nicht abgeschoben werden kann. Bei Berufen im Erziehungsbereich und Pflegebereich werden die Ausbildungen nicht anerkannt. Angesichts des enormen Fachpersonalmangels gerade in diesen Bereichen ist das ein totaler Blödsinn und überhaupt nicht nachvollziehbar.

Meine Fraktion hat im Bayerischen Landtag abermals in einem Dringlichkeitsantrag gefordert, Abschiebungen nach Afghanistan auszusetzen, welcher jedoch erneut abgelehnt wurde. Wir lassen hier aber nicht nach und spüren auch von Seiten der Bevölkerung immer mehr Unterstützung, denn eine Abschiebung in ein Land, in dem Krieg herrscht und die Nato jetzt nochmal die Schutztruppen verstärkt, ist menschlich nicht zu verantworten!



Das könnte Sie auch interessieren