05.12.2019

Anhörung zu Gaskraftwerken im Wirtschaftsausschuss

Ende November hat nun endlich die Anhörung stattgefunden, die wir im Wirtschaftsausschuss im Februar beantragt hatten. 10 Experten waren geladen. Vier Stunden bekamen wir geballte Informationen zum Bedarf an Gaskraftwerken, zur Versorgungssicherheit, zur Gas-Infrastruktur und den rechtlichen Rahmenbedingungen.
Die Anhörung im Landtag ©Eigne Aufnahme

Mein Fazit gleich vorneweg: ich bin beeindruckt, wie einig sich die Fachleute waren – obwohl zentrale Aussage: zukünftig brauchen wir Gaskraftwerke nur um die Residuallast abzudecken, also die Lücken der erneuerbaren Energien auszufüllen. Gaskraftwerke können nicht die Basis zukünftiger Stromversorgung sein, sondern nur Lückenfüller.

Für mich sehr positiv: hier trifft sich Ökologie und Ökonomie. Während Dr. Heyer von der Wacker Chemie, die mit drei TWh jährlich eine der größten Stromverbraucher in Bayern ist, argumentiert: "Die Erneuerbaren garantieren uns niedrige Strompreise, Gaskraft wäre als Grundlast zu teuer", erklärt Christof Timpe vom Ökoinstitut "Außerdem ist es aus Klimaschutzgründen positiv, wenn die Laufzeiten bei Gaskraftwerken so gering wie möglich sind. Aber sie müssen bereitstehen und im Bedarf schnell hochgefahren werde können." 

Diese doch überraschende Übereinstimmung setzte sich während der gesamten Expertenbefragung fort. 

Bei den derzeitigen Rahmenbedingungen sind in den nächsten 15 Jahren noch ausreichend thermische, also meist fossile Kraftwerkkapazitäten im Netz, so dass ein Neubau von Gaskraftwerken für den Regelbetrieb zur Deckung des Verbrauchs nicht notwendig ist. 

Gaskraftwerke als "Feuerwehr"

Danach gehen viele Kraftwerke aus Altersgründen bzw. aus Gründen des Kohleausstiegs aus dem Netz. Bis dahin ist es v.a. wichtig, dass Gaskraftwerke als „Feuerwehr“ zur Verfügung stehen, wenn Zwischenfälle passieren (so wie z.B. in meinem Landkreis Ansbach Ende September, als ein US Hubschrauber eine Hochspannungsleitung als Zielobjekt nutzte und Leitung plus Hubschrauber zum Absturz kamen). Diese „Feuerwehr“ nennt man „besondere netztechnische Betriebsmittel“ und sie dient ausschließlich der Netzstabilisierung. 

So ein Kraftwerk wird gerade in Irsching (Irsching 6) mit 300 MW gebaut. Weitere 900 MW als „besondere netztechnische Betriebsmittel“ sind seit Mitte 2017 in Ausschreibung. Diese ist aber für die Stadtwerke Ulm und für engie (den Betreiber der Kraftwerke in Zolling) so nachteilig ausformuliert, dass eine Bewerbung nicht lukrativ war. Die Kraftwerke wären aber für den Winter 2022/2023, wenn Isar II vom Netz ist, nach Meinung der Bundesnetzagentur notwendig. 

Der eindringliche Appell der Fachleute war: Die Bundesnetzagentur muss sich einschalten und dafür sorgen, dass die Ausschreibungen überarbeitet werden. Nur wenn in den nächsten Monaten die Zuschläge erteilt werden, besteht noch eine Chance, dass sie bis Ende 2022 fertig gestellt werden können. 

Da diese „Feuerwehr – Kraftwerke“, nur eingesetzt werden, wenn‘s brennt, ist ihre Laufzeit sehr gering. Hier bieten sich offene Gasturbinen an. Ihr Wirkungsgrad liegt zwar nur bei 35-40 %, aber dafür sind die Kosten mit 400.000 €/MW mehr als halb so niedrig wie bei Gas- und Dampfturbinen Gaskraftwerken (900.000 €/MW) und sie können in 45 Minuten von Null auf volle Leitung hochgefahren werden. Bei GuD-Kraftwerken ist der Wirkungsgrad zwar mit ca. 60 % weitaus höher, aber bis das Kraftwerk auf volle Leistung hochgefahren ist vergeht weitaus mehr Zeit. 

Grünes Gas

Ein interessanter Aspekt war noch die Frage, wie die Umstellung auf grünes Gas gelingen kann. Mehrere Experten führten aus, dass Wasserstoff wohl das Rennen machen wird. Unsere heutige Infrastruktur kann zu rund 10 - 20 % Wasserstoff im Leitungsnetz aufnehmen. Ob zukünftig die Lösung eine steigende Beimischung von H2 ins Gasnetz sein wird oder ob eigene Pipelines mit reinem Wasserstoff verlegt werden, ist noch offen, wie Herr Unterseer von der bayernets GmbH ausführte. „Wasserstoffleitungen sind ein alter Hut“, so Matthias Altmann von Ludwig-Bölkow-Systemtechnik GmbH. Bereits 1938 gab es die ersten Leitungen in Deutschland, die bis heute betrieben werden ohne Zwischenfälle. Die Umstellung auf Wasserstoff und die Anpassung der Infrastruktur ist aber noch eine große Baustelle.

Grünes Gas muss Erdgas ersetzen, wenn wir vollständig dekarbonisieren wollen. Der Brennstoff ist aber nur mit relativ hohen Verlusten herzustellen, deshalb gilt es soviel wie nur möglich direkt elektrisch zu betreiben. Nur an dritter/vierter Position sollte die Umwandlung von Strom in Wasserstoff, die Einspeicherung und die Rückverstromung stehen. 

Dringlich ist nicht ein Ausbau der Gaskraft sondern ein Ausbau der Erneuerbaren Energien

Abschließend brachte Dr. Heyen von Wacker Chemie die Anhörung auf den Punkt: „Wir müssen eine Priorisierung machen, was jetzt nötig ist.“ Ein Ausbau der Gaskraft ist derzeit nicht drängend. Drängend ist aber ein kräftiger Ausbau der erneuerbaren Energien – und hier garantiert uns gerade die Windkraft sehr niedrige Preise bei hoher Verfügbarkeit. Die Politik muss eine klare Sprache sprechen und aufzeigen, wo die Reise hingeht. Dann erreichen wir auch eine Akzeptanz für die Energiewende.“

Den Worten des Wacker Chefs habe ich als grüner Politiker nichts hinzuzufügen – das ist die Überraschung des Tages für mich :-)

→ Gutachten den Ökoinstituts: "Neue Gaskraftwerke in Bayern - Energiewirtschaftliche Bedeutung und Finanzierungsmöglichkeiten"

In Verbidnung stehender Artikel:

16.01.2020: Warum die CO2-Emissionen in Deutschland gesunken sind
20.11.2019: Neue Gaskraftwerke für Bayern?

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